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Y-Eltern

by Caroletta
Generation Y -Eltern

(Edit: Dieser Artikel erschien am 14.5.2014 auch in der Huffington Post)

Kaum eine Generation rüttelt so am Selbstverständnis unserer  Gesellschaft wie die „Generation Y“. Ein Text über junge Menschen, neue Blickwinkel und ein anderes Verständnis von Schule und Lernen.

„I always wondered why somebody doesn’t do something about that.
Then I realized I was somebody.“ – Lily Tomlin

Eine Generation verändert die Gesellschaft. Das ist der allgemeine Tenor, wenn irgendwo in den Medien über die sogenannten Millennials berichtet wird. Viele junge Leute, die nach 1980 geboren wurden, machen sich auf einmal nichts mehr aus gängigen Statussymbolen. Ein Auto zum Beispiel kann man in Zeiten des Carsharings auch benutzen, ohne es zu besitzen. Und das Wort Auto lässt sich mittlerweile ja durch alles Mögliche ersetzen. Kleidung, Schuhe, Wohnungen, Fahrräder, Lego. Alles wird geteilt. Diese Einstellung zum Leben hat das Potential die Welt zu retten. Ähnlich wie der Einkauf im Biosupermarkt und eine unterschriebene Onlinepetition pro Woche. Auf dem Arbeitsmarkt weiß die Generation Y genau was sie will. Sie gilt als außerordentlich selbstbewusst. Kaum einer macht’s mehr nur fürs Geld. Ein bisschen Sinn stiften muss die eigene Arbeit schon. Und Spaß machen natürlich.

Die Millennials, wie die Generation Y auch genannt wird, sind untrennbar mit dem Internet verbunden. Wer in der Kindheit verpasst hat, sich von der Oma das Stricken oder vom Onkel das Gitarre spielen beibringen zu lassen, macht einfach einen Youtube Kurs. Wenn die Spülmaschine den Geist aufgibt wurde früher der Fachmann gerufen. Heute wird erstmal gegoogelt, was das nun wieder sein könnte. Und dank diverser Social Media Kanäle weiß man, dass sich da auch eine neue Elterngeneration so ihre Gedanken macht.

Die Kinderkrieger von heute nehmen Elternzeit, bekommen Elterngeld und wünschen sich eine ausgeglichene Work-Life-Balance.

Sie kehren idealerweise nachmittags lächelnd ihrer Arbeit den Rücken und radeln zur Kita um abends gemeinsam mit ihren Kindern das Abendbrot zuzubereiten.

Nach ungefähr sechs Jahren jedoch droht die Einschulung der geliebten Nachkommen und die mühsam erkämpfte heile Welt mit all ihren Freiheiten gerät aus den Fugen. In Deutschland herrscht allgemeine Schulpflicht. Ein Wort, mit dem sich die Eltern- Generation Y zunehmend schwer tut. Denn das Wort „Pflicht“ suggeriert vielen die Unmöglichkeit des Entkommens, ein Ausgeliefertsein welches man in allen anderen Lebensbereichen überwunden zu haben glaubt. Nur der Tod scheint noch verpflichtend.

Job, Partnerschaft, Wohnung, Gesellschaft – Da kommt man im Notfall überall irgendwie raus. Aber aus der Schulpflicht kann hierzulande kein Kind entlassen werden.

„Was muss das muss“ sagen sich nun viele. Doch so einfach lassen sich immer mehr Vertreter einer Generation, die in unserer Multioptionsgesellschaft aufgewachsen ist, nicht abspeisen.

Das bestehende Schulsystem war schon ein totes Pferd, als die Generation Y darauf geritten ist.

Nun wird sie per Gesetz dazu verpflichtet, dieses Pferd für ihre Kinder neu zu satteln. Sicher, es gibt hier und da ein paar Reförmchen, aber grundlegend geändert hat sich nichts. Wozu auch? Die Kinder kommen ja so oder so.

Sie müssen ja.

Die Lehrpläne sind nach wie vor voll mit Stoff, der dazu geeignet ist, ihn nach dem nächsten Test wieder zu vergessen. Es geht nicht um tiefes Wissen auf einem Gebiet, für das sich ein Kind individuell in einem bestimmten Moment begeistert und interessiert. Es geht um viel Wissen für viele Kinder, die gerade zufällig alle im gleichen Alter sind und somit auch alle die gleichen Sachen können und kennen müssen.

Es stellt sich also die Frage, ob wir unseren Kindern einen bequemen Sattel für den langen Ritt auf dem toten Pferd besorgen, oder ob wir sie endlich absteigen lassen.

Solange es die Schulpflicht gibt, wird ein Absteigen fast unmöglich. Denn auch Alternativen in Form von freien Schulen in privater Trägerschaft bieten keine Lösung. Die Lehrpläne müssen hier schließlich genauso umgesetzt werden wie an ihren staatlichen Pendants. Eltern, die sich –aus welchen Gründen auch immer- dem deutschen Schulsystem verweigern, riskieren Bußgeldbescheide und im Extremfall sogar den Sorgerechtsentzug.

Fachleute sind sich seit langem einig, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Leben und Lernen.

Deshalb kann eine Schule nicht nur das Gebäude sein, in das unsere Kinder morgens rein- und nachmittags völlig erschöpft wieder rausgehen. Schule muss nicht mehr und nicht weniger sein, als ein Ort, an dem ein Kind die Welt erleben kann, an dem es Fragen stellen kann, an dem es die Dinge lernt, die es interessieren und nicht den Stoff, der benötigt wird um die nächste Klassenarbeit nicht zu verhauen. Man kann niemanden zum Leben zwingen und man kann auch niemanden zum Lernen zwingen. Wir aber verpflichten unsere Kinder dazu, über Jahre hinweg mehrere Stunden täglich stillzusitzen und die Klappe zu halten, während sie ihr von Fachleuten ausgesuchtes Wissen vorgesetzt bekommen.

Natürlich stört es, wenn in einer Klasse mit bis zu 30 Kindern (oft sogar noch mehr!) ständig jemand dazwischen fragt. Dafür gibt es in vielen Grundschulen den Schnatterentenstempel. Und wer seinen natürlichen Bewegungsdrang nicht frühzeitig unter Kontrolle bringt, bekommt Medikamente. Früher stellte kaum jemand diese Praktiken in Frage. „Das ist eben so. Das war so und das bleibt so.“ Punkt. In Zeiten, in denen Häuser übers Internet getauscht und Revolutionen über Facebook organisiert werden, muss es doch aber möglich sein, unseren Kindern die Freiheit des Lernens zurückzugeben ohne dazu das Land zu verlassen! Eine Handvoll gut ausgebildeter junger Leute tut nämlich bereits genau dies und lässt sich mit ihren Familien in Ländern wie Dänemark, Österreich, Frankreich und den USA nieder, die mit liberaleren Schulgesetzen mehr Spielraum für ein neues Bildungsverständnis lassen. Früher gingen diesen Schritt fast nur religiöse Fanatiker oder Hippies, die ein Problem mit der staatlich gelehrten Weltanschauung hatten. Heute sind es immer öfter unbeugsame Y-Eltern, die ihren Kindern ein System ersparen wollen, das in seiner himmelschreienden Sinnlosigkeit anscheinend nur mit einem über hundert Jahre alten Lern- und Präsenzzwang bestehen kann.

Vor kurzem wurde von Arbeitsministerin Andrea Nahles gefordert, den „Anwesenheitswahn“ für Arbeitnehmer abzuschaffen. Bei Schülern käme kaum einer darauf, solch eine Forderung zu stellen. Kinder sind schließlich von Natur aus faul und müssen schon zu ihrem Glück gezwungen werden. Oder etwa nicht? Und außerdem haben wir die Schulzeit ja auch alle überlebt.

Diese Annahmen zeigen, was das eigentliche Hauptproblem ist: mangelndes Vertrauen. Die Gesellschaft traut ihren Kindern die Neugier, den Drang zu lernen, einfach nicht zu. Und warum? Weil vielen dieser Drang selbst irgendwann verloren gegangen ist, als man ihnen -Jahr ein, Jahr aus- vorgeschrieben hat, was sie zu denken und zu wissen haben.
Der US-Amerikaner David Karp ist ein Beispiel dafür, dass es auch anders geht. Mit 14 Jahren verließ er die Schule, anstatt seine Zeit weiter im Unterricht abzusitzen. Er beschäftigte sich ab diesem Moment nur noch mit den Dingen, die für ihn relevant waren und für die er sich begeisterte: Computer. Letztes Jahr, im Alter von 26 Jahren verkaufte Karp die Früchte seines Schaffens. Für geschätzte 990 Millionen Dollar ging seine Blogging-Plattform Tumblr an Yahoo.

Ob Thomas Edison es je zu zweieinhalbtausend Patenten gebracht hätte, hätte er die Schule nicht als Achtjähriger verlassen? Man weiß es nicht. Fest steht, dass es ihm außerhalb der starren Schulstrukturen überhaupt erst möglich war, zu forschen und zu experimentieren. Agatha Christie glaubte fest daran, dass es die Vorgaben der Schule sind, die die Kinder davon abhalten, selbst Ideen zu entwickeln.

Der Drang der Gesellschaft, eine einheitliche Lösung für alle Kinder zu kreieren deckt sich nicht mit den individuellen Neigungen und Bedürfnissen, die jeder Mensch mitbringt.

In der Tierwelt käme nie jemand auf die Idee, einem Fisch eine schlechte Note zu geben, nur weil er nicht auf Bäume klettern kann. Der Affe schafft das ja schließlich auch ausgezeichnet.

Warum vergleichen wir unsere Kinder ständig miteinander, spielen sie gegeneinander aus und messen ihre Leistungen anhand einer Skala von eins bis sechs? Wenn in der Prüfung alle eine Eins schreiben, bekommt der Lehrer Ärger, ebenso wenn alle durchfallen. Es gibt keine Gewinner ohne Verlierer. Das System selbst besiegt so die Schwächeren und macht sie unweigerlich zu den so genannten „Bildungsverlieren“.

Die Generation Y hat erkannt, dass Leben, Lernen und Arbeit zusammengehören und nicht getrennt voneinander zu betrachten sind. Sie wissen, dass sie bis ins hohe Alter arbeiten werden müssen und dass das nur funktioniert, wenn man in einer Sache voll und ganz aufgeht, sie mit Leidenschaft tut! Die Millennials lehnen viele Diktate ab, die vor kurzem noch selbstverständlich waren. Sie verändern mit ihrer Einstellung die Arbeitswelt.

Als nächstes ist die Schule dran.

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4 Kommentare

monna 22. Oktober 2015 - 8:28

danke für deinen mir den morgen erhellenden Artikel.
meine sind vier und zwei, der grosse hat jüngst erfolgreich gegen seinen kindergarteneintritt rebelliert. „zu laut“
ich bekomme jetzt schon Panik, denke ich an den bevorstehenden schuleintritt.
seit Familie neubrunner sich dem Gesetz beugen und das land verlassen musste, finde ich kaum Artikel über freilegen oder schulverweigerer. der letzte eine vollkommen furchtbare Rezension der zeit des wunderbaren films von clara bellar „being and becoming“.nun beinah ein Jahr her.
als würde dieses Thema konsequent von den öffentlichen Medien gemieden werden.
Gegenargumente oft „wie soll Integration gelingen“, „wie sollen Kinder sozial schwächerer Familien aufgefangen werden“, „ist freilernen denn überhaupt möglich für die nicht elitäre Familien?“ in Zeiten von coworking spaces mit Kindern und diesen ganzen sharing-aktionen. ja.
natürlich kann das gelingen. eher als mit Privatschulen, die vielmehr separieren in wohlhabend/nicht wohlhabend, eine merkwürdig künstlich heile Welt um unsere Kinder herum schaffen, meiner Meinung nach.

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Caroletta
Caroletta 22. Oktober 2015 - 16:29

Danke für deinen Kommentar liebe Mona!
Ich gehe mittlerweile (fast zwei Jahre nach dem Verfassen dieses Textes) etwas entspannter mit dem Thema um. Tatsächlich versuchen viele staatliche Schulen auch nach und nach andere Wege zu gehen. Die Mühlen mahlen nur seeeeeehr langsam ;-) Für uns ist die Situation (mit einem Schul- und einem Kindergartenkind) momentan ok. Aber ich kann es nachvollziehen, wenn sich Familien diesem System verweigern und bin absolut dafür, auch andere Lernformen offiziell zuzulassen.
Liebe Grüße!
C.

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Christina 9. Januar 2018 - 21:32

Leave it, love it or change it – doch wenn sich alle für „leave“ entscheiden würden, bliebe niemand mehr für „change“ zurück. Davon ab, dass mir Familie auch im größeren Sinne zu wichtig ist, als das ich Auswandern als Option sehen würde.
Ich bin gespannt, wie sich Schule die nächsten Jahre entwickelt. Denn es sind nicht nur die Eltern einer neuen Generation, auch die Lehrer wechseln langsam durch und ich hoffe ein bisschen, dass es vielleicht Bewegung in die Sache bringt. Mal schauen, ein paar Jahre haben wir ja noch bis zum Schulstart unserer Kleinen.

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Caroletta
Caroletta 10. Januar 2018 - 10:37

Der Text ist mittlerweile ja schon ein paar Jahre alt und inzwischen habe ich zwei Schulkinder. Bei einigen Sachen greife ich mir tatsächlich immer mal wieder an den Kopf (Wozu muss man das Gebiss der Katze auswendig lernen?), andere Sachen laufen an unserer Schule dagegen recht rund (es gibt z.B. ein interessenbasiertes Kurssystem ab der 1. Klasse, u.a. finden ein Umweltkurs, ein Fußballkurs, ein Malkurs und ein Coputerkurs statt), Noten gab es erst ab der 4. Klasse, die Schüler können sich durch einen Klassenrat einbringen. Ich denke auch, wir sind auf einem guten Weg. Veränderungen brauchen in einer Demokratie einfach unglaublich lange, bis sie sich durchsetzen. Ich würde den Text heute nicht mehr ganz so wütend formulieren, glaube ich ;-)

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